"Medizin und Gewissen - wenn Würde ein Wert würde"
Schaden Gentechnik und Pränataldiagnostik?
Vor welchem möglichen Schaden durch Gentechnik soll die Gesetzgebung die deutschen Bürger bewahren? Prof. Dr. Jutta Limbach bezog keine konkrete Stellung. Prof. Dr. Eberhard Richter erinnenrte uns in seinen Grußworten an den unantastbaren inneren Wert eines jeden Menschen, der nicht hinter ein angebliches Gemeinwohl gestellt werden dürfe.
In den folgenden Diskussionen wurde viel über PID (Prä-Implantations-Diagnostik) geredet. Dabei habe ich keine Meinungen gehört, die uneingeschränkt die PID vertreten. Dieser Randerscheinung der Medizin, die ausschließlich die unnatürliche invitro Befruchtung betrifft, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt: von einem ‚Dammbruch' in Bezug auf genetische Selektion wird gesprochen. Ist diese Methode des Kindermachens nicht ohnehin schon zweifelhaft und für die Frauen belastend genug, um uns vor einem Dammbruch' zu bewahren?
"Ist denn sowas heute noch nötig?",
Es tauchte berechtigterweise die Frage auf, ob nicht die vielpraktizierte pränatale Diagnostik zur Feststellung von Fehlbildungen und genetischer Defekte mit Ultraschall und Amniozentese schon ein breiter Dammbruch sei? Ein ethischer Dammbruch, der dazu geführt hat, daß Frauen, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, schief angeschaut werden und mit Kommentaren sogar von Medizinstudenten bedacht werden wie: "Ist denn sowas heute noch nötig!" - wie betroffene Eltern berichteten. Anwesende Behinderte fühlten sich durch derlei selektive Praxis zunehmend diskriminiert und als gesellschaftlich unerwünscht angesehen.
Aus den vielen Diskussionen habe ich als Resümee gezogen, daß weder die PID noch die Pränataldiagnostik zur Bestimmung von Fehlbildungen zur Norm und damit ein moralisches ‚Soll' oder ‚Muß' werden darf - wie es heute schon z.T. geworden ist. Diese soziokulturelle Normbildung in Bezug auf die PND sollte möglichst rückgängig gemacht werden. Ärztlich angeratene diagnostische Eingriffe müssen therapeutische Konsequenzen haben und dürfen nicht als einzige Möglichkeit das Töten aufzeigen.
Es darf keine moralische Verpflichtung zum Töten der Föten geben!
So wie auf der einen Seite eine Diagnostik, die zum Abtöten von beginnendem Leben führt, nicht zum öffentlich anerkannten Standard und damit zur Moral gehören darf, sollte auf der anderen Seite - analog zum Schwangerschaftsabbruch nach §218a - eine begründete Entscheidungsmöglichkeit der Betroffenen zu einem solchen Eingriff gegeben sein und nicht moralisch diskriminiert werden. Die Betroffenen haben in aller Regel selbst genug Probleme mit solchen Eingriffen.
Vertrauen in die Entscheidung der betroffenen Frauen
Wenn die Entscheidung bei den Betroffenen (meist Frauen) liegt, kann unser Vertrauen in die Frauen/Mütter zum Tragen kommen, daß diese in jedem Fall - egal ob IVF, PID, PND, Verhütung mit Spirale, Schwangerschaftsabbruch oder Austragen eines Kindes mit genetischen Auffälligkeiten - eine im Rahmen ihrer Möglichkeiten verantwortliche Entscheidung treffen.
Für eine Ethik der Verantwortung!
Das ethische Gebot für die offizielle Medizin "Gesundheit fördern ohne zu schädigen!" sollte strikte Geltung haben und konsequenter angewandt werden als bisher. Es sollte keine Diagnostik als Standard betrieben werden, die schädigt bzw. eine Schädigung (z.B. Abort) zur Folge hat. Aus dem Grundsatz "Nicht schädigen!" folgert im Grunde: so wenig wie unbedingt nötig / möglich in das unmittelbar natürliche Geschehen einzugreifen. Unter diesem Grundsatz werden die IVF, PID, Teile der PND - alles Verfahren, die wenig bzw. nichts mit der Heilung von Erkrankungen zu tun haben - sehr zweifelhaft und nur auf ganz besonders begründeten Wunsch einzelner Menschen anzuwenden.
Ethik sollte nicht von Angst bestimmt werden
Viele Redebeiträge waren von Angst geprägt, von der Angst, daß sich eine neue Form der Selektion, der Euthanasie noch ausbreiten könne. Ich möchte auf der einen Seite diese Ängste und Befürchtungen wichtig und ernst nehmen und meine, sie sollten eine dauerhafte Warnlampe für den Umgang mit allen Formen der PND und Gentechnik sein. Auf der anderen Seite sollten ethische und moralische Prinzipien aber nicht von Angst geprägt sein - sie würden in einer neuen bzw. alten Weise nach einer autoritären Macht rufen mit Schuldzuweisungen und Diskriminierung und eine kreative Weiterentwicklung in Freiheit und Selbstbestimmung unterdrücken.
Vielmehr sollten ethische Grundsätze aus Verantwortungsbewußtsein für sich selbst, die Mitmenschen und die Umwelt heraus diskutiert und aufgestellt werden.
Diktiert Wirtschaftlichkeit die gesunde Entwicklung oder ist Gesundheit maßgeblich für die wirtschaftliche Entwicklung?
Von vielen Frauen wurde deutlich gemacht, daß sie sich von der Politik eine Unterstützung der (auch werdenden) Mütter wünschten und bessere Bedingungen für das Aufwachsen der Kinder - anstatt daß die Regierungen soviel Aufmerksamkeit und Geld in Forschungen stecken, die nur den Bedürfnissen einer sehr kleinen Gruppe und eventuell der Industrie entsprechen. Das Geld solle der gesunden Entwicklung der Kinder dienen - schließlich seien gesunde Menschen eine Voraussetzung für eine gesunde Ökonomie.
In der aktuellen öffentlichen Diskussion im Gesundheitswesen wird die Diskussion aber andersherum geführt: Maßnahmen zur Gesundheitsförderung werden mit dem Hinweis auf Geldmangel an den Schluß der Dienste gestellt. Als oberstes Prinzip der angewandten und forschenden Medizin steht heute die Wirtschaftlichkeit - entweder als Kriterium für ärztliche Entscheidungen oder als Kriterium für finanzierte Forschungsvorhaben. So warnte Prof. Dr. Hans Ulrich Deppe vor einer vollständigen Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Gesundheit wird immer mehr zur Ware, die in unserem System umso mehr gekauft werden kann, je mehr Geld man besitzt. Armut ist noch ein gesundheitlicher Risikofaktor, wie viele sozial-epidemiologische Untersuchungen zeigen. Wenn die Würde des Menschen für das Gesundheitswesen der Hauptwert würde, gäbe es in der medizinischen Behandlung von Menschen mit unterschiedlichem Budget keine Unterschiede.
Herr Braun stellte an Hand von Zahlen klar, daß es eine häufig erwähnte Kostenexplosion im Gesundheitswesen im Grunde nicht gäbe: seit ca. 50 Jahren ist der Anteil der Ausgaben des Gesundheitswesens am Brutto(inlands?)sozialprodukt ziemlich konstant bei 5,8%. Gefordert werden müsse aber ein höherer Anteil angesichts der verstärkten gesundheitlichen Belastung der Menschen und der Weiterentwicklung der modernen Medizin.
Ein Solidarpakt für gesunde Entwicklung
Um die Chancengleichheit der medizinischen Versorgung für alle Menschen hierzulande herzustellen und um insbesondere ein gänzliches Herausfallen der Armen zu verhindern, ist seinerzeit das Pflichtversicherungssystem organisiert worden. Dieses Solidaritätsprinzip gilt aber nur für abhängig Arbeitende mit geringem bis mittlerem Einkommen. Das bestehende Versicherungssystem ist damit noch ein Relikt aus der Zeit des Klassenkampfes und kreiert in der Folge auch eine Klassenmedizin. Weder die selbständigen Unternehmer (damals Bourgeoisie) noch die ganz Armen (Sozialhilfeempfänger) sind in das Solidarprinzip eingeschlossen. Wenn wir eine gleich ‚gute Medizin' für alle Menschen wollen, müssen wir eine Solidarversicherung von allen Menschen haben, wo möglich ohne Beitragsbemessungsgrenze.
Läßt sich das Solidarprinzip mit der freien Wahl der BehandlerIn vereinen?
Bei solchen Postulaten taucht gleich die Frage auf, was denn eine "gute Medizin" ist? Auf diese Frage geben wir NaturheilärztInnen oft eine andere Antwort als die meisten SchulmedizinerInnen. In der aktuellen Debatte um eine Positivliste und Behandlungen sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, die von Kassen nicht bezahlt werden, wird deutlich, wie die GKV nicht nur ein Solidarpakt ist, sondern auch ein Machtinstrument, um die Art und Weise der angewandten Medizin zu bestimmen - aus unserer Sicht oft im Interesse der großen Pharma- und Medizinindustrie.
So geht es in der Diskussion um das Versicherungswesen um zweierlei ethische Aspekte: 1. Das Solidarprinzip würde konsequenter Weise eine einheitliche Gesundheitskasse für alle Menschen erfordern und ein solidarisches, eigenverantwortlich gesundheitsbewußtes Verhalten. 2. Das Recht auf freie Arztwahl (bzw. TherapeutInnenwahl) müßte konsequent fortgeführt auch die Wahl der Therapie beinhalten - soweit diese vom Arzt bzw. Therapeuten angeraten ist.
Gesunde Entwicklung gründet auf selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Handeln
Die Praxis der heutigen GKV allerdings - eine Beschränkung des Solidarprinzips auf Zahlung von Beiträgen durch abhängig Arbeitende - hat zu einer stark reglementierten Zwangsmedizin für die meisten Menschen geführt, die weitgehend durch die ökonomischen Interessen der Pharma- und Medizintechnikindustrie bestimmt wird. Dieser Aspekt der Reglementierung der Medizin durch das ökonomische Machtinstrument der GKV wurde m.E. zu wenig in Frage gestellt (zumindest in den von mir besuchten Veranstaltungen). Zwischen den ethischen Werten von gemeinschaftlicher Solidarität und individueller Wahl der Behandlungen wurde noch kein gangbarer Weg gefunden.
In Gesprächen am Rande des Kongresses wurde Bedauern darüber geäußert, daß es z. Zt. anscheinend keine Kraft im Lande gäbe, die deutlich die Forderung nach "Gesundheit für alle" und gleichzeitig die Forderung nach weitgehend selbstbestimmter, frei gewählter Therapie vertritt. In diesem Zusammenhang wurde auf ein Gesundheitsparlament hingewiesen, welches auf dem Gesundheitstag 2000 in Berlin von Dr. Ellis Huber initiiert wurde und am 10. November d.J. endgültig gegründet wird.
Ist der Arzt Verkäufer?
Wenn ‚Gesundheit' zu einer Ware wird, wird der Arzt Händler und der Patient Kunde. Ist das die moderne partnerschaftliche Arzt-Patienten-Beziehung, die eine herkömmliche‚ paternalistische ablöst? Oder ist der Versuch, Gesundheit als Ware zu verkaufen bzw. zu konsumieren, Bestandteil einer desorientierten Medizin, die die subjektive Verantwortung für gesunde Entwicklung zwar formuliert aber in der Tat abschafft und die Medizin auf käufliche Versorgung reduziert und in die allgemeine Konsumkultur integriert?
An der Frage nach einer ‚guten' Arzt-Patient-Beziehung werden kulturelle Leitwerte erkennbar. Wie würde diese Beziehung aussehen, wenn sie in erster Linie der Gesundheit diente? Wie würde sich der Arzt verhalten, wenn er vornehmlich Heilmethoden zur Verfügung hätte, die auf eine Mitarbeit der PatientInnen aus wären, die über das Schlucken von Medizin bzw. konsumieren von Anwendungen hinausgeht? Wie würden sich PatientInnen verhalten, wenn ihnen von den Trägern der Kultur klar gemacht würde, daß ihre eigene Einstellung und ihre Lebensweise ganz wesentlich für ihre gesunde Entwicklung sind, und daß sie ihre Verhaltensweise ändern können - auch mit therapeutischer Hilfe.
Frieden schaffen ohne Waffen
Dieser mehr politische Aspekt soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. ‚Frieden beginnt in unseren Köpfen' ist eine Folge der Erkenntnisse von Dr. Matthias Jochheim und Eckhart Spoo, die eindrucksvoll die kulturellen und medialen Vorbereitungen des NATO-Angriffs auf Jugoslawien beschrieben. Auch bei diesem Thema geht es um eine Veränderung der kulturellen Denkweise: Es geht darum, eine Kultur des Friedens zu entwickeln, friedliche Lösungen aktiv zu suchen und herbeizuführen anstatt einer Politik, die auf Angst und Gewalt basiert.
Zusammenfassung und Ausblick: Wenn wir uns mit ethischen Grundsätzen befassen, geht es um die Grundlagen unserer Kultur: sowohl rückblickend auf die NS-Zeit bzw. den Krieg in Jugoslawien als auch aktuell und - für uns am aller wichtigsten: es geht um die Kultur von Morgen. Politik baut auf der Grundlage von ethischen Werten einer Kultur. In der Politik findet dabei auch eine Auseinandersetzung um kulturelle Werte statt. Eine herrschende Politik wird bei jeder kulturellen Neuerung Angst um ihre Machtgrundlage bekommen bzw. eine Kultur fördern, die ihre Macht stärkt. So sind Politik und Kultur eng miteinander verknüpft. Wir sollten gerade in der Medizin zunächst die ethischen Werte, die mit unserem Gewissen kompatibel sind, anerkennen. Dann erst können wir die daraus resultierenden politischen Schritte diskutieren, die eventuell Kompromisse (z.B. wegen ökonomischer und anderer Bedingungen) enthalten können. Dabei dürfen wir aber die ethischen Grundsätze nicht verwässern oder gar ökonomisieren. Ethik ist eine zutiefst grundlegende menschlich-geistige Wirklichkeit.
Anschrift des Verfassers:
Theodor D. Petzold
Methfesselstr. 4
37581 Bad Gandersheim
Tel: 05563-6038 Fax -1098
e-Mail: theopetzold@gesunde-entwicklung.de
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